Presseschau
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Buchtitel |
Buchautor |
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Hungertuch Roman |
Martin Stadler |
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Zeitung |
Erscheinungsdatum |
Autor |
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Neue Zürcher Zeitung - NZZ |
25.10.2001 |
Martin Zingg |
Über Unliebe, Geburt und Gotteslästerer
"Hungertuch" heisst dieser ungewöhnliche Roman, und sein Untertitel verspricht
gleich mehreres: "Unliebes-, Geburts-, Kriminal-, Lebens-, Gotteslästerer-,
Irrenhaus- und Sterbegeschichten aus dem Nachlass eines Abendländers, im Grunde
eine Liebesgeschichte, die vielleicht hätte gelingen können." Geschrieben hat
ihn der Innerschweizer Autor Martin Stadler, der neben einer Reihe von Werken,
die ihn als Chronisten der Urner Kulturgeschichte ausweisen, mehrere
literarische Arbeiten veröffentlicht hat, darunter "Bewerbung eines Igels";
"Hungertuch" ist sein bisher umfangreichstes Werk.
Als Erzähler fungiert in diesem Roman in erster Linie ein Arzt, Pius Ruos. Da
dieser auch als Mitglied der "Inspektoratskommission" des örtlichen Gymnasiums
amtet, als Zuständiger für "Lebenskunde und andere Freifächer", sowie das
Kuratorium eines regionalen Museums präsidiert, gewinnt er einen breiten
Einblick in das Leben seiner Umgebung. Seine vielfältigen Tätigkeiten gestatten
ihm zugleich Exkurse in die Talgeschichte, über die er auch Aufsätze publiziert.
Pius Ruos erzählt in Ich-Form, wechselt aber gelegentlich, wie mit einem
Kippschalter, die Erzählweise und spricht sich selber an. In einer Art Monolog
wird er dann sein eigenes Gegenüber oder gar sein eigenes Objekt. Weitere
Figuren erfindet er sich bei Bedarf. Es sind gleichsam Parallelexistenzen auf
Zeit, unter deren Deckung er in verschiedene Lebensbereiche ausschwärmen und
sich als Erzähler vervielfachen kann, was er denn auch weidlich nutzt.
Zwar ist Pius Ruos der Erzähler - aber als der Roman einsetzt, das ist die erste
Überraschung, ist dessen Erzähler bereits nicht mehr unter den Lebenden. Im
Nachlass von Pius Ruos, das erklärt seine Nichte Lea Roth, haben sich neun
Schachteln mit Notizen, Entwürfen und Skizzen gefunden. Es sind Texte von sehr
unterschiedlicher Thematik und Schreibweise - "teils mit Maschine, teils von
Hand geschrieben; keine Inhaltsverzeichnisse; kaum Datierungen; keine sogleich
einleuchtende Reihenfolge" -, aus denen die Nichte nun eine Auswahl vorstellt.
Was die verschiedenen Texte in erster Linie zusammenhält, ist der Schauplatz des
Romans, ein Tal. Es hat keinen Namen, ist einfach das "Tal" - und damit die
Welt. Dafür, dass man seine reale Entsprechung in der Innerschweiz wird suchen
müssen, spricht vieles, nicht zuletzt die Mundart, die da und dort im Text
aufblitzt. Den mundartlichen Aussprüchen und Ausdrücken wird übrigens oft in
einer Fussnote eine Erklärung oder Übersetzung beigegeben, was natürlich deren
Fremdheit auch ein wenig unterstreicht.
Eine grosse Rolle im Tal spielt das Talmuseum, wo auch das Hungertuch hängt, das
dem Roman seinen Titel gibt. Hungertücher, heisst es, wurden im Spätmittelalter
bis in die frühe Neuzeit während der Fastenzeit zwischen Kirchenschiff und Chor
aufgespannt, vor allem, um die unvergänglichen Wahrheiten der Heilsgeschichte
vor Augen zu führen. Ein solches Hungertuch hat der Museumswart Kluser bei einem
entfernten Verwandten entdeckt. Genau besehen, ist es ein Fragment, das er
gefunden hat, vollständig erhalten ist bloss ein Bild, eine Szene mit Adam und
Eva, die von einem Cherub mit ausgestrecktem Flammenschwert aus dem Paradies
gewiesen werden.
Das Hungertuch wird nun zum Ausgangspunkt verschiedener Geschichten, die
teilweise an die biblischen Ursprünge der dargestellten Szene zurückkehren.
Andere greifen weit über die Enge des Tals hinaus und schlagen den Bogen bis hin
zu evolutionsgeschichtlichen Erörterungen, die sich wiederum mit verschiedenen
Nebengeschichten verknüpfen können. Martin Stadler flicht einen ungeheuer
dichten Erzählteppich, in welchem zeitlich und räumlich entlegene Motive und
Geschehnisse mit dem Nächstliegenden überraschende Nachbarschaften eingehen.
Erörtert, diskutiert, erwogen und verworfen und neu bedacht wird vieles in
diesem Buch. Köstlich sind etwa die Passagen, die um die Schule kreisen. Pius
Füst, von einer Nachbarin ausgiebig observierter Aussenseiter, der als
Historiker am Kollegium Sankt Michaelis unterrichtet, wirkt in der religiös
dominierten Welt wie ein Ableger einer anderen, einer modernen Welt - ohne dass
er dafür viel tun muss. In der Auseinandersetzung um die Schule und deren
Weltbild geht es natürlich immer auch um den Anschluss des "Tals" an die
wechselnden Zeitläufte - oder um Abschottung. Ins Tal gelangen Ausläufer der
Arbeiterbewegung, die soziale Frage wird gestellt, weshalb die Autoritäten des
Tals um ihre Macht bangen. Es wird verhört und kujoniert. Und der Historiker
Füst, inzwischen bereits als Lehrer beurlaubt, rollt in einer "hymnischen
Moritat" den Prozess gegen einen 1865 abgeurteilten Gotteslästerer neu auf.
Dieses Kapitel, eines von insgesamt 33, hat der Erzähler als eine Art
Theaterstück angelegt, womit sich die widerstreitenden Interessen sehr
anschaulich darstellen lassen.
So nebenher oder gar auf die Schnelle wird man diesen Roman nicht lesen können,
dazu sind seine 591 S.
zu anspruchsvoll. Nicht immer lässt sich die
Übersicht über das Geschehen und die darin involvierten Figuren einfach und
zweifelsfrei wahren (in welchen Fällen ein Register aushilft). Und es entsteht
beim Lesen die wachsende Gewissheit, dass man sich hier in einem kleinen, aber
ausserordentlichen Kosmos bewegt, der nur kraft einer reichen erzählerischen
Phantasie existiert - welcher man gebührenden Respekt nicht versagen kann.
Martin Stadler: Hungertuch. Unliebes- Geburts-, Kriminal-, Lebens-,
Gotteslästerer-, Irrenhaus- und Sterbegeschichten aus dem Nachlass eines
Abendländers, im Grunde eine Liebesgeschichte, die vielleicht hätte gelingen
können. Roman. Thesis- und Uranos-Verlag, Zürich, Schattdorf 2000. 591"S., Fr.
55.-.
Martin Zingg